Demokratie selbst erleben: Paul Kiesow aus Friedberg bei „Jugend und Parlament“ im Deutschen Bundestag
Vom 6. bis 9. Juni 2026 hatte die Wetterau einen weiteren Vertreter in Berlin: Paul Kiesow aus Friedberg war vier Tage lang nicht mehr Schüler, sondern als Abgeordneter in Berlin.
Dafür schlüpfte er in die Rolle des fiktiven Bundestagsabgeordneten Emil Kaiser. Er konstituierte mit anderen Teilnehmern des Planspiels „Jugend und Parlament“ eine Fraktion, besetzte Ausschüsse und beriet vier Gesetzentwürfe – von der internen Fraktionslinie bis zur Ausschusssitzung gegenüber den anderen Fraktionen. Den Abschluss bildete eine Plenardebatte mit abschließender Abstimmung im echten Plenarsaal des Deutschen Bundestages. Koalitionsverhandlungen, Kompromissdruck, parlamentarische Geschäftsordnung – Paul erlebte das alles nicht aus dem Lehrbuch, sondern am eigenen Leib: als Teilnehmer des jährlichen Großplanspiels des Besucherdienstes des Deutschen Bundestages.
Was ist „Jugend und Parlament“?
„Jugend und Parlament“ ist eine der intensivsten politischen Lernerfahrungen, die jungen Erwachsenen in Deutschland offensteht. Einmal im Jahr lädt der Besucherdienst des Deutschen Bundestages bis zu 313 junge Menschen zwischen 17 und 20 Jahren ein, das parlamentarische System in seiner ganzen Komplexität zu durchlaufen – nicht als Zuschauer, sondern als handelnde Akteure.
Jeder teilnehmende Bundestagsabgeordnete benennt dafür eine Person aus seinem Wahlkreis – für den Wetteraukreis habe ich Paul Kiesow nominiert.
Wie funktioniert das Planspiel?
Das Planspiel arbeitet mit drei fiktiven Parteien: der Bewahrungspartei (BP), der Partei für Gerechtigkeit (GP) und der Partei für Engagement und Verantwortung (PEV). Die Rollenzuteilung erfolgt durch Losentscheid – unabhängig von der eigenen politischen Überzeugung. Genau das ist der methodische Kern: Wer eine fremde Position ernsthaft vertreten muss, versteht sie besser.
Strukturell orientiert sich das Format so eng wie möglich an der parlamentarischen Wirklichkeit. Neben Fraktionen und Ausschüssen bilden sich auch Landesgruppen, Vorsitzende werden gewählt – und Fraktionsdisziplin ist dabei ebenso gefragt wie die Bereitschaft zum Kompromiss.
Wer das einmal durchlebt hat, begreift: Demokratie ist kein Selbstläufer – sie muss jeden Tag neu ausgehandelt werden.
Paul Kiesows Meinung zum Planspiel
Paul Kiesow ist Schüler der Augustinerschule Friedberg und kein unbeschriebenes Blatt, wenn es um politisches Engagement geht. In der Schülervertretung vertritt er seine Mitschülerinnen und Mitschüler, setzt eigene Projekte um und weiß, was es bedeutet, Interessen zu bündeln und für andere einzustehen. Seit zwei Jahren engagiert er sich darüber hinaus im Friedberger Jugendrat – dort hat er konkrete Einblicke in kommunalpolitische Abläufe gewonnen und u.a. im Rahmen der Bundestagswahl 2025 politische Statements eingeholt und veröffentlicht. Politikwissenschaft belegt er inzwischen als Leistungskurs.
Paul äußerte sich auch selbst zu seiner Teilnahme am Planspiel: „Ich bin sehr dankbar für die Nominierung und die Möglichkeit, am Planspiel Jugend und Parlament teilnehmen zu dürfen. Die vier Tage im Deutschen Bundestag waren eine spannende und lehrreiche Erfahrung. Besonders beeindruckt hat mich, wie komplex politische Entscheidungsprozesse sind und wie parlamentarische Prozesse in der Praxis funktionieren.
Die öffentliche Berichterstattung über einzelne Vorfälle während des Planspiels habe ich natürlich wahrgenommen. Solche Ereignisse sind bedauerlich und sollten nicht passieren. Gleichzeitig haben sie meiner Wahrnehmung nach die Veranstaltung insgesamt nicht geprägt. Für mich standen die intensive inhaltliche Arbeit, die vielen Diskussionen und die Begegnungen mit engagierten jungen Menschen aus ganz Deutschland im Mittelpunkt. Ich nehme aus Berlin viele neue Eindrücke mit und habe großen Respekt vor der parlamentarischen Demokratie und den Menschen gewonnen, die sich täglich für sie einsetzen.“
Ein Format, das zählt
Für mich ist „Jugend und Parlament“ mehr als ein Bildungsangebot. Wer selbst einmal einen Gesetzentwurf durch die Ausschüsse trägt, eine Fraktion zusammenhält und am Ende im Plenum abstimmt, versteht, was parlamentarische Arbeit wirklich bedeutet – und warum Kompromisse keine Schwäche sind, sondern das Wesen der Demokratie. Solche Formate stärken das Vertrauen in unsere Institutionen auf die beste denkbare Weise: durch eigenes Erleben.
Natürlich gab es auch die Gelegenheit, das Büro des echten Abgeordneten zu besuchen und einen direkten Einblick in die Alltagsarbeit eines Bundestagsmandats zu bekommen.
Weitere Informationen zum Planspiel „Jugend und Parlament“ gibt es beim Besucherdienst des Deutschen Bundestages: jugendprojekte@bundestag.de